Treppenfunktion

Tja, rechts oder links? Manchmal muss man eben Entscheidungen treffen.
Wie entscheidet sich eine Treppe, frage ich mich. In jedem Stockwerk bemerke ich, dass es schon wieder linksherum geht. Und noch mal. Linksherum. Ich muss meine große Sporttasche, die unter meiner rechten Achsel klemmt nicht verlagern. Immer links herum. Die Treppe ist ihr nie im Weg. Und mir auch nicht. Sympathisch. Sie hat sich entschieden. Zwar nicht straight, aber konsequent.
„Wie entscheidet sich eine Treppe?“ tippe ich in mein Handy. Gut, dass der Empfänger dieser Nachricht nicht weiß, wo ich mich gerade befinde. Sonst hätte ich bestimmt bald eine neue weiße Jacke an und nichts mehr zu entscheiden. Kaum gedacht, schon eine Antwort: „Meistens rauf.“
Sympathisch mein Kumpel. Mutig, mir auf solch eine idiotische Frage eine Antwort zu geben. Verrückt, überhaupt eine Antwort parat zu haben. Entscheidungsfreudig und spontan. Rauf! Links- oder rechtsherum, war hier die Frage. Rauf! Und überhaupt: Hat mein Kumpel nur auf diese Frage gewartet? Hat er nichts Besseres zu tun, als über Treppen nachzudenken. Es nervt mich, dass er entschieden hat, dass sich Treppen fürs Rauf entscheiden würden. Wie kann er sich da so sicher sein?!?
Des Pudels Kern ist doch: Er hat Recht. Wie soll sich eine Treppen für Links- oder Rechtsherum entscheiden, wenn sie so gebaut wurde. Da ähnelt sie den englischen Autos. Aber auch bei mangelnder Entscheidungsfreiheit, kann sie durchaus Vorlieben haben. Zum Beispiel was das Rauf und Runter angeht.

Eine Rolltreppe beispielsweise ist garantiert ein Runter-Fan. Rauf ist viel zu anstrengend. Zum Beispiel im Kaufhaus. Oma und Opa im Hertie und die Kaufhaustoiletten unterm Dach. Jetzt muss es schnell und zügig nach oben gehen. Opa steigt auf, Oma hinterher. Los geht’s. Stufe um Stufe um Stufe. Da will man keine Treppe sein. Rauf, schnauf schnauf.

Eine sadistische Wendeltreppe wird ebenfalls das Runter vorziehen. Sie genießt die pure Aufmerksamkeit der sich Fürchtenden, die oben zaghaft ihren Fuß auf die erste Stufe setzen und vorsichtig antesten. Eine Wendeltreppe hat Macht. Autorität aus Stahl.

Eine Holztreppe hat noch ganz andere Möglichkeiten der Mitbestimmung. Getarnt unter beruhigendem, sanftem Braun, weckt sie erstes Vertrauen. Undurchsichtig und ausharrend. Breite Stufen. Keine freien Zwischenräume. Keine Trittfallen. Spröde fixierend, das Gegenteil von glatt. Müde gedämpft und überzeugend durch jahrelange Treue. Doch irgendwann ist es soweit: das erste ‚Knarz‘. Vielleicht ein kleiner Riss. Da ist es egal ob Rauf oder Runter. Einbruch in jede Richtung möglich. Drohender Durchbruch, der bewährte Beständigkeit in Frage stellt.

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